Wie Die Sinne Erwachen
Synopsis: Ein junger Mann – offensichtlich von den unfreiwilligen Umständen nicht gerade begeistert – kommt in die unerwünschte Situation, einen im Frühling erwachenden ungebändigten Wald überwinden zu müssen, gezwungener Maßen zu durchqueren. Woher er kam, warum er hier ungewollt mit uns durch den Wald muss, ist unwesentlich, hat mit einem alten PKW ohne TÜV -Plakette zu tun, und ist für diese kurze Geschichte auch nicht relevant. Zwangseingetaucht in die Atmosphere und missmutig beäugend, versucht er also naserümpfend und mit einer ablehnenden Grundeinstellung diesen für ihn so unattraktiven und langweilig profanen Ort mit schnöden Tannen, aus dem zähflüssigen Biologieunterricht bekannten einheimischen Buchen, flachen langweiligen Hügeln, eklatanten Kiefer-Schonungen, krabbelndem Ungeziefer, nervigen Vögeln, und anderen banalen Tiergeräuschen, so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, aus ihm heraus zurück in seine gewohnte urbane und spannende Großstadt-Umgebung zurück zu gelangen.
Abgestumpfte und alte besoffene Dorfbewohner, triste Wald-Feld-Traktor-Scheunen-Dorfkonsum-Kulissen, gähnende Totenstille, kalte Winter, nass-öder Herbstmoder, Gummistiefel Mode, unattraktive Wasch-Frauen, null Nachtleben, und langweilige einheimische Tier und Pflanzenarten, die man in der Schule schon missmutig auswendig lernen musste – all das kam ihm in den Sinn als er so schnell wie möglich versuchte diesen unfreiwilligen Weg hinter sich zu bringen. Es war das einzige was ihn jetzt überhaupt noch vorwärts trieb.
Der Weg ist weit, der Wald ist groß, und die Tier – und Pflanzenwelt entfaltete innerhalb weniger Minuten ihre unausweichliche Kraft. Ein Wandel vollzieht sich im zuvor noch abweisend missmutig zerknirschten Gesicht des jungen Mannes, und in den Augen des Tiere, die ihn dabei beobachten. Mehr und mehr entfaltet sich vor ihren und seinen Augen eine sich verändernde Kulisse. Ein Märchenwald. Von Bild der Eintönigkeit immer weiter entfernt, werden Farben immer intensiver, Geräusche immer hypnotisierender, Gerüche und Gefühle mystischer und lauter. Ja, eine atembetäubende Geräuschkulisse, von exotischen Vögeln, knarrenden Bäumen, dem Wind in den hohen Baumkronen, und dem Rasscheln vorbeischwebender Rehe, entfaltet sich immer spürbarer und intensiver um ihn herum und vermischt sich mit einem Duft von Holz, Moos und dem sinnebetöhrenden Farbspielen zu einem Aphrotisiakum Inspiritus, in dem sich der eben noch gegenstemmende junge Mann plötzlich völlig verliert, ja beginnt tief einzuatmen, seinen Schritt zu verlangsamen und zu entspannen, von schönen Mädchen zu träumen, seine Gedanken tief in den Wald und in seine Seele zu lenken.
Am Ende aus dem Wald heraus kommend, völlig betrunken taumelnd und glückseelig lächelnd, findet er sich an einer Feldöffnung, einer Lichtung, und schaut zum ersten Mal seit vielen Jahren mit einem Blick der Sehnsucht und inneren Zufreidenheit in den über den Wäldern sich blut-orange ausbreitenden Sonnenuntergang, als wäre es der erste Tag auf diesem Planeten. Lange steht er schwankend da, die Arme hängen entspannt an ihm herunter, lächelnd, mit halb zugekniffenden Augen in die untergehende Sonne blinzelnd, bis wir ihn langsam zurück lassen, die Bühne verlassen, auf der wir mit ihm Zeuge waren. Zeuge dabei waren …
… wie die Sinne erwachen.




