Mirandot, was vorher geschah … Nov04

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Mirandot, was vorher geschah …

Der Dialog zwischen unserer ethischen Verstrickung und unserem amoralischen Ursprungsnaturell ist ein Stuhltanz, wo beide Seiten unaufhörlich sich hektisch abwechselnd den nächsten freien Stuhl erkämpfen.

Geister kommen aus allen Löchern gekrochen und bewegen sich wie Raupen in Concon aus den Rängen hinauf auf die Bühne um in seinen Körper zu kriechen. Mirandot ist sein Name, und der Name des gleichnamigen Theaterstücks, und Teil einer Trilogie. Ähnlich wie die rückwärts erzählten Star Wars Episoden, folgt „Mirandot“ dem Stück „Spiegelmonologe – Tagebuch eines Selbstmörders“, ist aber ein Rückblick über das vorher Geschehene.

„Ja! Wer sich gegen Krieg ausspricht, für Amnesty spendet und sich für ein Wahlverbot der NPD ausspricht, der, der ist ein guter Mensch! Und, und wer nicht zu Schlingensief’s Beerdigung gegangen ist, der, der hat nichts verstanden! Schande über jene! Wer eine Waffe trägt, ist ein Mörder! Wer Sex liebt, ist entweder ein Schwerenöter, oder wahlweise auch ein Freidenker! Je nach dem aus welcher Zeit heraus betrachtet! Egal! Selbst wenn wir unsere Erinnerungen an all unsere Zeit auf Erden, unser Leben und all die Leben davor auslöschten, wenn wir keine moralische Prägung hätten, würden unsere Ausscheidungen nicht schlechter riechen als jetzt!” … keift die alte Frau vorgebeugt aus ihrem Rollstuhl (D: Sigrid Schnückerl) und starrt den überforderten Mirandot (D: Sebastian Freigang) glasig an. Stigmatisiert und dogmatisch zeichnet sie die Moral der aus ihrer Sicht Überheblichen, der moralisch sich Erhebenden… und bringt ihn zurück ins Leben. „Hast du mal ‘ne Kippe?“ Der Lautsprecher ertönt …

Mehr als 16 Jahre hat RAF-Terroristin Birgit Hogefeld in Haft verbracht. Jetzt soll sie Hafterleichterungen erhalten und ihre restliche Haftstrafe im offenen Vollzug verbringen. Das hessische Justizministerium hat der Nachrichtenagentur AP eine entsprechende Meldung der Berliner „Tageszeitung“ bestätigt. So darf Hogefeld dann die Haftanstalt Frankfurt-Preungesheim tagsübert verlassen. Für die Nacht muss sie allerdings zurück ins Gefängnis. Vor einigen Tagen habe Hogefeld eine Tätigkeit als Volontärin im Großraum Frankfurt am Main aufgenommen.

Die 53-jährige Hogefeld wird der „dritten Generation“ der RAF zugerechnet, deren Anschläge in den Achtzigerjahren bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind. Unter anderem fielen den Attentaten 1989 Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, 1986 der Siemens-Manager Karl-Heinz Beckurts und 1991 der Präsident der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder, zum Opfer.

1993 wurde Birgit Hogefeld in Bad Kleinen verhaftet. Ihr wird Mord und Mordversuch angelastet. Sie wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach der Freilassung von Christian Klar Ende vergangenen Jahres war sie zeitweise das letzte frühere RAF-Mitglied, das noch im Gefängnis saß.

Bis eben stand Mirandot noch mit weit ausgebreiteten Armen und dem Gesicht zum Himmel auf dem Abhang, und die Geister aus allen Himmelsrichtungen durchströmten seinen hageren Körper. Übermannten ihn. Behördenwillkür in den sozialschwachen Schichten, Fernseh-Verdummung, gebilligte oder akzeptierte Kriege, kaum noch zur Kenntnis genommener Völker-Mord, Jahrhunderte Unterdrückung, Terror, Anti-Terror, Ölskandale, Naturkatastrophen, Pharmazie-Experimente an Menschen in der dritten Welt, sterbende Vögel im Ölteppich vor der Küste Korsikas. Wie Fernseh-Blitze aus einer Schock-Psychotherapie hämmerten die Bilder auf ihn ein und ungeschützt durch ihn hindurch. Sein Leid ist nicht das des reflektierten Intellektuellen, der sich nach einem tragischen Zeitungsartikel eine Sekunde später beim Kellner über den lauwarmen Kaffee beschwert, sein Leid ist aufrichtig und droht ihn zu zerbrechen.

Tränenüberflutet schaut er auf, nimmt die Arme herunter und mustert die alte Frau im Rollstuhl. Er holt die Kippen aus der Hosentasche und gibt ihr Feuer. Wie ein Kind, was eben noch laut und unter Tränen schreiend auf dem Boden lag und dann plötzlich, einen Moment später, von etwas abgelenkt, seinen Schreikrampf einstellt und sich auf etwas neues konzentriert.

Sie taucht aus dem Schatten auf, im Halbdunkel oder als Stimme aus dem Nichts. Die alte Frau ist sein zynisches Vis-á-Vis, sein anderes Ich. Sie erscheint wie aus den Ketten einer altertümlichen Ehe befreit, aufgeraut aber nicht unbarmherzig, kränklich aber nicht schwach, wutentbrannt aber nicht verbittert. Ohne sie wäre er schon tot. Ohne ihn wäre ihr Zynismus umgeschlagen. Sie, Mirandot und sein Schatten auf Rädern, sind der offene Konflikt in mir. Ich lasse sie aufeinander prallen weil ich wissen will wer wem die Show stielt,wer die besseren Argumente hat. Mirandot ist keine Inszenierung die predigt, die sich positioniert, sie ist eine einzige Frage. Sie stellt das Wertesystem auf den Kopf, um am Ende aber festzustellen, dass unsere gesellschaftlichen Gerüste nicht nur gut zum Zerstören sondern auch gut zum Hinterfragen ihres Ursprungs geeignet sind. Es ist ein Stuhltanz.

Mirandot macht es sich keinesfalls einfach. Aufbruchstimmung wäre leicht erzeugt („Tötet Helmut Kohl“). Trotz meiner Wertschätzung für die Theatergrößen der 90-er, besinne ich mich auf die in meinen Texten immer wiederkehrende Frage, ob nicht alles in einem schwer erklärbaren Gleichgewicht miteinander schwingt und der gänzliche Verlust unserer Identität weitaus schwerere Folgen haben könnte, als das Niederreißen tradierter Werte. Die Recycling-Küche der Neunziger war ein farbenfrohes Spiel! In der Musik, am Theater, im Film. Überall wurde Altes neu zusammengeklaut und gemischt, und dann auf die Bühne geworfen. Das war notwendig und erfrischend. Aber es ist an der Zeit, wirklich Neues zu schaffen. Wieder wirklich kreativ zu sein, aufzubauen, und nicht niederzureißen, und von vorn anzufangen. Sonst überlassen wir den Geistern das Feld.

„Mirandot“ sollte bereits im letzten Jahr schon auf die Probebühne, aber der Diskurs über die Figur Mirandot hörte nicht auf, wird auch nie aufhören, aber die Frage muss eine Form finden, auf der Bühne gestellt zu werden. Mit der Wunschbesetzung, den Schauspielern Sebastian Freigang („Die Farben des Regenbogens“, z.Z. Kriminaltheater) als Mirandot und Sigrid Schnückerl (RTL, Wiener Burgtheater) als alte Frau im Rollstuhl, gab es bereits Vorgespräche aber die entgültige Script-Fassung lässt auf sich warten. Ich hoffe mit der Proben-Arbeit im Frühjahr 2011 beginnen zu können.