Parsevals Merceo

Sie stützt ihn beim Gehen, beim Balancieren durch die Tische der Gäste nach draußen. Links vorbei am letzten Tisch vor dem Ausgang, an der Hecke zum Straßenrand hin mit 2 jung gebliebenen Herren im Gespräch. Er reißt sich von ihr los, stolpert gezielt auf den Tisch zu und raunt dem Herrn rechts am Tisch zu: “In Parsevals Komödie gäben Sie einen wunderbaren Merceo …” – Die beiden unterbrechen ihr Gespräch. Der angesprochene Mann reagiert verstört, seine Hand noch in der Luft, eingefroren, auf dem Weg zur nächsten Geste im Gespräch mit seinem Tischpartner, der ebenfalls verwirrt in die glasigen Augen des ungebetenen, vorgebeugten Gastes schaut.

Der angesprochene Mann am Tisch scheint mittleren Alters zu sein, wirkt gut situiert, mit kräftiger Statue und lockiger, leicht grau melierter Mähne, aufgeknöpftem weißen Sommerhemd und Drei-Tage-Bart. Tina versucht ihren Störenfried wieder vom Tisch weg zu ziehen. “Komm jetzt. – Entschuldigen Sie bitte. – Komm, wir müssen los…” – Der zuvor angesprochene Mann am Tisch wirkt zwar weiterhin irritiert, aber auch ein wenig amüsiert. Ein abfälliges Lächeln, aber nur in seinen Augen, begleitet sein etwas herablassend wirkendes Einlenken und seine darauf folgende Frage: “Nein, nein. Das ist schon okay. Warten Sie. …” Zu ihm: “Warum? Was meinen Sie damit?” – Wieder entzieht sich Monroe Tina’s stützenden Händen, schwankt, lehnt sich wieder auf den Tisch des Gastes, schaut ihm direkt in die Augen und nuschelt leise, aber bestimmt: “Merceo … war von sich gleichzeitg so wenig überzeugt und dennoch so verzweifelt in seiner Selbstverliebtheit, dass er seine ganzen Begabungen, all seine besonderen Fähigkeiten an seine Eitelkeit verriet, sie betrog, fremd ging und öffentlich masturbierte. Mit seiner Eitelkeit ins Bett ging. Während er “die Gabe”, die wie seine ihn liebende und treue Ehefrau zum ihm war, seiner Schaustellung opferte!”

Für einen kurzen Augenblick hätte man das Knistern eines Salatblattes am Nachbartisch hören können, welches sich nach dem Versuch, es auf die Gabel zu bekommen, auf dem Teller wieder entfaltete. So ruhig war es plötzlich in dem Etablissement. Blicke halten einander fest. Der Gast schaut seinen Besucher verstört und dann darüber hinweg gehend lächelnd auf den Mund. Tina ist verzweifelt. Sie nimmt wiederholt Monroes Arm. “Komm! Es reicht.” Den Gast und sein Gegenüber um Verständnis bittend: “Es tut mir leid. Ich muss mich entschuldigen. Er ist nicht …” Der Tisch-Gast wirkt jetzt auffällig aufgeweckt, aber dabei immer noch leicht abfällig, dennoch neugierig. “Warum sagen Sie das? Herr …” Mit einer abfälligen Handgeste will er sich behaupten und auf geschickt energetisch zurückerobernde Art seinen Namen erfahren. Unbeeindruckt und den Versuch, Oberwasser zu bekommen, durchschauend, fährt Monroe fort. Denn für solche Eitelkeiten hat er keine Lebenszeit zu vergeuden. Genau darum geht es ja. Ebenfalls ein wenig abfällig und enttäuscht untermauert er seine Äußerung mit einem auffordernden Rat: “Gehen Sie nach Hause. Tun Sie das, was Sie wirklich gut können. Das hier, … ” Seine Hand schweift ebenfalls abfällig über den Tisch, als wolle er das Bild des Tischgespräches für ein Filmmotiv justieren – ” …können Sie nicht sonderlich gut …” – Er lächelt den Tischgast mit vorgebeugtem Haupt an.

Der Gast schaut ihn jetzt zurückgelehnt und durch ganz kleine misstrauische Augen an. Sein Blick wechselt dabei die Konzentration einmal auf Monroes rechtes und dann wieder auf sein linkes Auge. Tina zieht ihn erneut vorsichtig vom Tisch des Mannes, der ihn immer noch halb lauernd, halb verwundert, nachschaut, weg in Richtung Terassen-Ausgang. Stützt ihn. Drängt ihn nach draußen, auf den Gehweg. Die zwei Männer vom Tisch schauen ihm nach. Monroe ist längst woanders, lächelt in den Himmel, widmet sich dem wunderbaren Lichtspiel der Blätter in der abendlichen Sommersonne. Tina schaut besorgt zurück zum Tisch. Die beiden Gäste beginnen zu tuscheln. Sie wirken amüsiert. Doch der angesprochene Mann am Tisch wirkt auch etwas nachdenklich. Hat der Trunkenbold ihre Gespräche belauscht? Der angesprochene Mann wirkt jetzt in sich gekehrt, während sein Gegenüber am Tisch Monroe bei seinen Baumkronenstudien beobachtet.

Der Trunkenbold erinnert ihn ein wenig an Rimbaud, welcher damals Überlieferungen zu Folge den Herren vom literarischen Dichterkreis bei seinem Einführungsessen auf den Tisch, genauer gesagt auf den Backfisch pinkelte, um ihnen seinen Unmut über ihre dichterische Eitelkeit auf seine ganz besondere Art und Weise kund zu tun. Hatten sie sich so selbstgefällig und laut über das neue Buchprojekt unterhalten? Sie hat es sicher nicht leicht mit ihm. Er wirkt geistig angeschlagen. Sein torkelnder Gang wirkte aber nicht betrunken, eher wie eine Art merkwürdiger Dauerzustand. Wie ein Teil seines außerordentlichen Wesens, welches sicherlich zu vielen Überraschungen fähig ist.

An einem anderen Tag, einem anderen Ort, sieht der Mann, der damals am Tisch von dem Trunkenbold angesprochen wurde, fern und bleibt beim Durchschalten durch die gruseligen belanglosen Sendungen plötzlich bei einer Liveübertragung stehen. Es ist die Live-Übertragung der Filmfestspiele in Cannes. Ein unrasierter, ungepflegt wirkender Mann kommt unter Applausgeräuschen auf die Bühne, winkt ab und sagt: “Hören sie schon auf zu applaudieren. Wofür soll ich mich bedanken? Vielleicht dafür, dass zumindest Sie alle hier im Raum den Film zu meinem Buch gesehen haben? Aber wenn Sie “Merceo” einen Preis verleihen, weiß ich nicht, ob Sie ihn verstanden haben.” Er torkelt kopfschüttelnd unter anhaltendem Applaus von der Bühne. Der Tischgast, wie angefroren auf den Bildschirm starrend, erkennt den Trunkenbold aus dem Restaurant. “Parseval!” Er kann es nicht fassen: Es war ein namenhafter Kollege, der ihm damals im Restaurant begegnete. Jemand, zu dem er eigentlich aufschaute. Das Werk “Merceo” kannte er jedoch noch nicht. Es war neu. Es wurde verfilmt. Und was ihn begeisterte, ihn von Parseval überzeugte: Es war erfolgreich.

… Er hat nichts von dem, was Monroe Parseval ihm zu sagen versuchte, verstanden.