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Die geistige Unruhe

Die geistige Unruhe unserer Spezies basiert auf der Kenntnis um unsere Entwicklungsfähigkeit, unserer zuvor erdachten und angestrebten Erhebung. Sie ist der Geschmacksverstärker, einer der wichtigsten Stimulatoren unserer Fantasie, in der es alles zuvor schon gegeben hat, was uns eines Tages gelingen wird. Sie wird von einem Organ, welches 25% unserer Reserven verbraucht und dafür letzten Endes verantwortlich ist, ob wir uns gut fühlen oder nicht, verwaltet und aufrecht erhalten, bis in den Schlaf. Das Gehirn.

Jenes, welches einigen von uns auch Glauben macht, es gäbe ein Leben nach dem Tod. Nur leider gab es bisher keinen Beweis dafür. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass das Gehirn mit uns ebenfalls das Irdische verlässt. Und vielleicht daran, dass es so oder so der Teil von uns ist, der uns “Glauben macht” und “zweifeln lässt”, kurzum die Leinwand ist, auf der unsere gedanklichen Filme ablaufen. Es stellt im Falle des Ablebens seine subversive und intrigante Tätigkeit gegenüber unserem Körper ein, so wie der Körper selbst, und hat somit weder Einfluss auf unseren Wunsch weiter zu leben, noch kann es uns die Landschaft in einem Leben nach dem Tod projezieren oder abspeichern. Aber es ist trickreich. “Weiß” es doch nur zu gut, dass es, solange wir an das glauben, was scheinbar, also vom Gehirn reproduziert, in uns vorgeht, dem, was unser Gehirn uns übermittelt, vertrauen, uns weiter infiltrieren kann. Nicht dass ich Körper und Geist voneinander trennen möchte, denn die beiden führen eine Zwangsehe, in der jeder vom anderen abhängig ist. Aber der Geist kann uns schon so einiges auftischen, was wir in der Regel auch essen.

Geistesforscher als auch Mediziner haben wohl erkannt, so heißt es jüngst in einschlägigen Zeitschriften, dass das menschliche Gehirn präventiv, also nicht nur rein schulmedizinisch diagnostisch gesehen, eher viel zu wenig Beachtung fand in den letzten Jahrhunderten, und weitaus weniger als unser restlicher Körper vorbeugend gepflegt und gehegt wurde. Das ist nicht mit den Geisteswissenschaften, der Pädagogik, dem Lerntraining, und der Neurologie und Psychiatrie, sowie ihrem Anteil an unseren gesellschaftlichen Diskursen zu verwechseln. Es geht um die Beachtung des Gehirns als gesund zu haltendes Körperteil im Alltäglichen. Wir cremen unsere Hände ein, pflegen unsere Haare mit Spülungen, schneiden Fingernägel, lassen uns den Rücken massieren, diskutieren über gesunde Ernährung für Muskelaufbau oder gegen Überfettung, Vitaminpräparate für die Augen, Physiotherapie für die Beingelenke nach einem Fahrradunfall, um Spätfolgen zu vermeiden …  Was selten auftaucht, ist die Frage: Aber was braucht unser Gehirn, um gesund zu bleiben? Diese Frage wurde in der Vergangenheit vergleichsweise eher stiefmütterlich behandelt.

So wurde zum Beispiel der Mineralbedarf des menschlichen Gehirns erkundet, und ob Geistestraining genau wie Sport dazu führt, Kalorien abzubauen oder freie Radikale freizusetzen, die den Altersprozess fördern. Und siehe da: mehr als erwartet. Geistestraining soll doch tatsächlich mehr Kalorien verbrennen als jede andere sportliche Tätigkeit. Und da sage noch einer, kreative Arbeit sei keine Arbeit. Und auch die Alterung des Gehirns wird auf gleiche Weise gefördert wie bei jedem anderen Körperteil auch. Durch falsche Belastung, also Unterbelastung als auch Überbelastung. Dabei ist dieses formschönheitstechnisch durchaus streitbare, zu 50% aus Fett bestehende “Stück Fleisch” jedoch für den Menschen wohl zweifelsohne heute, mehr als denn je, eines der wichtigsten Körperteile überhaupt geworden. Aber was bedeutet das im Umkehrschluss? Die Erkenntnis, dass wir unser Gehirn mehr “pflegen” müssen, beruht vor allem auch auf der unumstrittenen Tatsache, dass von hier so ziemlich alles ausgeht, ja sogar Krankheiten initiiert, also psychosomatisch erzeugt und wiederum auch bekämpft werden können. So rückt das Bewusstsein für die Wichtigkeit eines funktionierenden Geistes ist immer mehr in den Vordergrund. Mal von dem Dauerschlagwort „Leistungsgesellschaft“ ganz abgesehen.

Bei all meiner Freude über den Trend, das Gehirn mehr “kosmetisch zu pflegen“, oder auch in der Medizin zu beachten, frage ich mich aber natürlich sofort instinktiv, was dies mit uns zukünftig machen wird. Ich bin ohne Zweifel ein Kopfmensch, der aber eine enge Verbindung zwischen Kopf und Herzen zieht. Das neue Bewusstsein aber könnte, wie so oft in der Geschichte, Dinge in Extreme kippen lassen. Wir waren noch nie sonderlich gut darin, Dinge ausgewogen anzupacken. Wenn etwas störte, wurde es radikal ausgelöscht um später teilweise wieder reanimiert zu werden. Wenn wir etwas vermissten, haben wir es eingeführt, selbst da wo es überhaupt keinen Sinn macht. Die Frage ist also, ob unser neuer heiliger Gral nun das Gehirn ist? Das hätte aber aus genannten Gründen unter Umständen  fatale Folgen. Wir sprechen hier schließlich von unserem Hauptbewusstseinsgeber, unserer “Steuereinheit”. Dem Teil unseres Körpers, der uns „denken“ macht. Ist das vielleicht sogar der erste Sieg des Gehirns über den Menschen, in einem Kampf der unserem Körper ohne unser Wissen statt findet?  So wie im Kampf der Sieg der Maschine über den Menschen, so wie es uns schon renomierte Sience-Fiction Autoren in ihren Zukunftsvisionen skizziert haben? Werden wir eines Tages nur noch riesige “Boller”-Köpfe auf kleinen dünnen Körpern tragen, die uns telepathisch verbinden und befähigen, Dinge mit unseren Gedanken zu bewegen? Telekinese ahoi? Naja, zumindest bliebe uns nichts anderes mehr übrig, denn unsere Körper wären dann jedenfalls nicht mehr dazu in der Lage. Dann wird es wahrscheinlich wieder einen neuen Trend geben, wo Geistesforscher und Mediziner die große Erkenntnis verkünden, man müsse mehr für unseren Körper tun. Aber mir gefällt der Alien-Look eigentlich. Vielleicht waren es gar keine Aliens, die wir unlängst mit diesen Riesenköpfen und den kleinen dünnen Körpern filmisch skizzierten. Vielleicht haben wir wieder einmal in unserer Fantasie uns selbst gesehen. In der Zukunft.

Good Night and Good Luck